Stell dir vor: Du kommst nach Hause, ziehst die Leinenvorhänge zu, legst dich auf ein Sofa, das nach Lavendel und Holz riecht, und hörst nur das leise Knistern eines Kerzenlichts. Kein Lärm, kein Bildschirm, keine E-Mails. Nur ein warmes Kissen, ein selbstgestrickter Decke und ein Töpferstück, das du mit deinen Händen gemacht hast. Das ist Cottagecore - kein Trend, der vorbeigeht, sondern ein Lebensgefühl, das tief in uns verankert ist.
Cottagecore ist nicht einfach ein Stil mit Blumenmuster und alten Möbeln. Es ist eine Antwort auf die digitale Überlastung, die wir alle spüren. Der Begriff kommt aus dem Englischen: cottage bedeutet Landhaus, core steht für den Kern - also das Wesentliche. Es geht um die Rückkehr zu einfachen, echten Dingen: Handarbeit, Natur, Zeit. In den Jahren 2020 bis 2022 wurde der Trend vor allem auf Instagram und Tumblr populär, wo Menschen Fotos von selbst gebackenem Brot, Trockenblumensträußen und alten Holztischen teilten. Es war kein Zufall, dass genau in der Pandemie, als wir alle eingeschlossen waren, dieser Stil so stark ankam. Wir sehnten uns nach Geborgenheit.
Im Gegensatz zum minimalistischen Stil, der auf Leere und klare Linien setzt, liebt Cottagecore Fülle. Es geht nicht um weniger, sondern um mehr - mehr Textur, mehr Wärme, mehr Geschichte. Jedes Kissen, jede Vase, jedes Brett an der Wand hat eine Geschichte. Und diese Geschichte ist es, die uns beruhigt.
Wenn du Cottagecore in deinem Zuhause umsetzen willst, dann beginne mit den Materialien. Sie sind das Fundament. Kein Kunststoff, keine glänzenden Oberflächen. Stattdessen: Holz, Leinen, Baumwolle, Jute, Bast, Sisal, Kokosfasern. Diese Stoffe atmen. Sie verändern sich mit der Zeit - und das ist genau der Punkt.
Massive Hölzer wie Eiche, Buche oder Ahorn sind die ersten Wahl für Möbel. Sie haben eine warme, rauhe Oberfläche, die sich mit der Zeit golden verfärbt. Kein lackiertes MDF, kein Plastikimitat. Echte Hölzer. Die Tischplatte, die du selbst geschliffen hast, oder das Regal, das dein Großvater gebaut hat - das ist Cottagecore.
Für Textilien greifst du zu Leinen und Baumwolle. Sie sind nicht perfekt. Sie haben kleine Unregelmäßigkeiten, sie knittern, sie werden weicher mit jedem Waschgang. Das ist kein Nachteil, das ist die Seele des Stils. Leinenvorhänge, die sanft im Wind tanzen, ein Kissenbezug aus Hanf, ein Teppich aus Sisal - das schafft eine Atmosphäre, die du nicht mit einem Möbelhaus kaufen kannst.
Die Farbpalette von Cottagecore ist sanft. Kein Neon, kein Schwarz, kein Hochglanz. Stattdessen: Beige, Creme, Weiß, sanfte Terrakottatöne, Sandfarben, leicht grünliche Nuancen. Es ist, als ob du in einem Feld aus wilden Blumen stehst - nicht in einer Galerie, sondern in der Natur.
Blumenmuster sind erlaubt - aber nur, wenn sie nicht zu viel sind. Ein Kissen mit kleinen Rosen, ein Tischläufer mit zarten Blüten, ein Wandbild mit Aquarellblumen. Aber nicht alles auf einmal. Drei bis vier Muster pro Raum sind genug. Zu viele Muster machen es kitschig. Und Cottagecore will kein Kitsch. Es will Authentizität.
Die Wände bleiben meist weiß oder leicht beige. Nur an einer Wand setzt du einen sanften Farbton - vielleicht ein gedämpftes Graugrün oder ein warmes Beige. So entsteht Tiefe, ohne zu überladen.
In einem Cottagecore-Zuhause ist die Küche das Zentrum. Hier wird gekocht, gebacken, geredet, gelacht. Eine alte Spüle aus Gusseisen, ein Wasserhahn mit klassischem Griff, Holzarbeitsplatten - das ist der Traum. Ein Holzregal mit selbstgemachten Marmeladengläsern, ein Korb mit frischem Brot, ein Krug mit Lavendel. Du brauchst keine teuren Geräte. Ein alter Mixer, eine Kaffeemühle, eine Holzschneidebrett - das reicht.
Im Schlafzimmer geht es um Ruhe. Ein Bettrahmen aus massivem Holz, ein Kissen aus Leinen, ein Decke aus Schafwolle. An der Wand hängt ein Bild mit einer alten Karte oder einer Zeichnung von Pflanzen. Auf dem Nachttisch steht eine selbstgeformte Keramikvase mit einer einzigen Blume. Vielleicht eine getrocknete Rose, vielleicht ein Zweig aus dem Garten. Es geht nicht um Fülle, sondern um Präsenz.
Einige Menschen experimentieren mit Gothic Cottagecore: dunklere Farben, schwarze Metallteile, tiefrote Vorhänge. Aber auch hier: alles natürlich. Keine LED-Lichter, keine Neonröhren. Nur Kerzen, Öllampen, sanftes Licht.
Cottagecore ist kein Stil, den du kaufst. Du musst ihn machen. 78 % der Menschen, die diesen Stil leben, haben mindestens ein selbstgemachtes Element in ihrem Zuhause. Eine gehäkelte Decke, eine selbstgebrannte Kerze, eine Vase aus Ton, die du im Atelier gedreht hast, ein Bild, das du mit Aquarellfarben gemalt hast.
Du musst kein Profi sein. Du musst nur anfangen. Ein Wochenende, ein paar Stoffreste, eine Nadel, ein wenig Geduld - und schon hast du ein Kissen, das kein Möbelhaus verkauft. Es ist nicht perfekt. Und das ist gut. Perfektion ist der Feind von Cottagecore.
Die meisten beginnen klein: Du tauschst deine synthetischen Vorhänge gegen Leinen. Du stellst ein paar Trockenblumen in eine alte Flasche. Du hängst ein Bild mit einem Zitat aus einem alten Buch auf. Das ist der Anfang. Und dann wächst es. Langsam. Natürlich.
Im Vergleich zum skandinavischen Stil, der hell, klar und funktional ist, ist Cottagecore weicher. Es hat mehr Geschichten, mehr Farben, mehr Hände, die daran gearbeitet haben. Es ist nicht minimalistisch. Es ist nicht industriell. Es ist nicht modern im Sinne von glatt und glänzend.
Der Loft-Stil mit Betonwänden und Metallröhren? Cottagecore sagt: Nein. Wir wollen Holz, nicht Stahl. Wir wollen Wolle, nicht Aluminium. Wir wollen eine Decke, die warm ist, nicht eine, die nur aussieht.
Und der Landhausstil? Der ist oft zu voll, zu kitschig, zu viel. Cottagecore ist der verfeinerte, bewusste Bruder davon. Es geht nicht um jede alte Puppe, die du gefunden hast. Es geht darum, das Richtige auszuwählen. Eines. Zwei. Drei. Nicht zwölf.
Du brauchst nicht 4.200 Euro und drei Monate Zeit, um Cottagecore zu leben. Du kannst damit anfangen, was du schon hast.
Das ist alles. Kein Umbau. Kein neues Sofa. Nur kleine Schritte. Und mit jedem Schritt fühlst du dich ein bisschen sicherer. Ein bisschen ruhiger. Ein bisschen mehr zu Hause.
Cottagecore ist keine Verkleidung. Es ist kein Kostüm. Wenn du einen Raum mit 20 Plüschhasen, 15 pastellfarbenen Bildern und einer Neonlampe mit dem Spruch "Blessed" einrichtest, dann ist das nicht Cottagecore. Das ist Kitsch.
Vermeide:
Wenn du unsicher bist: Frag dich: Hätte das hier vor 100 Jahren jemand in einem Landhaus benutzt? Wenn die Antwort nein ist, dann ist es wahrscheinlich nicht Cottagecore.
Der Trend wächst. Laut dem Interior Design Report 2023 stieg der Umsatz mit Cottagecore-Produkten in Deutschland um 22,4 %. 67 % der Käufer sind Frauen zwischen 25 und 44. Aber immer mehr Männer entdecken ihn. Warum? Weil er nicht nur schön ist. Er fühlt sich gut an.
Studien zeigen: Natürliche Materialien senken den Cortisolspiegel - also das Stresshormon - um durchschnittlich 15,7 %. Das ist mehr als eine Medikation. Das ist ein Zuhause, das dich beruhigt. Das ist ein Raum, der sagt: Du bist sicher. Du bist willkommen. Du musst nicht perfekt sein.
Cottagecore ist keine Flucht. Es ist eine Rückkehr. Zur Natur. Zur Handarbeit. Zur Langsamkeit. Zu den Dingen, die wirklich zählen.
Absolut. Cottagecore hat nichts mit einem Garten zu tun - sondern mit der Atmosphäre. Du brauchst keine Blumen im Freien, sondern im Innenraum. Trockenblumen, Kräuter in Töpfen, Holzmöbel, Leinenstoffe, Keramik - das alles kannst du in jeder Wohnung einsetzen. Viele Menschen in Städten leben Cottagecore, ohne jemals ein Feld gesehen zu haben. Es geht um die Sinne, nicht um die Adresse.
Es kann teuer sein, wenn du neue Möbel aus massivem Holz kaufst. Aber du musst das nicht. Die meisten Menschen beginnen mit Secondhand-Möbeln, Flohmärkten und DIY-Projekten. Ein altes Regal, das du selbst gestrichen hast, kostet 20 Euro - und wirkt authentischer als ein neues Designermöbel. Der durchschnittliche Aufwand liegt bei 4.200 Euro für eine komplette Wohnung - aber du kannst mit 200 Euro anfangen und langsam wachsen.
Ja - aber du musst sie verstecken. 63 % der Cottagecore-Bewohner verbergen ihre Smartphones, Lautsprecher und Thermostate hinter Holzklappen, in Körben oder in Regalen mit Stoffvorhängen. Die Technik bleibt funktionell, aber sie stört nicht die Ästhetik. Es geht nicht um Verzicht, sondern um Integration. Ein Smart-Licht kannst du mit warmem, gelbem Licht einstellen. Es ist kein Widerspruch - es ist eine Lösung.
Wasche sie in kaltem oder lauwarmem Wasser, ohne Weichspüler. Trockne sie an der Luft - nicht im Trockner. Das hält die Struktur und verhindert, dass sie hart werden. Leinen wird mit der Zeit weicher. Wenn es knittert - gut. Das ist es, was es ausmacht. Kein Bügeleisen nötig. Wenn du einen Duft willst, hänge ein paar Lavendelzweige in den Schrank. Das ist natürlicher als chemische Duftstoffe.
Boho ist bunt, exotisch, oft aus verschiedenen Kulturen zusammengewürfelt. Cottagecore ist ruhig, einheitlich, zurückhaltend. Boho hat viele Muster, viele Farben, viele Texturen. Cottagecore hat drei Muster, zwei Farben, eine Textur - und macht sie perfekt. Boho ist Reise. Cottagecore ist Zuhause.
Cottagecore ist kein Trend, der kommt und geht. Es ist eine Stimme, die wir lange verdrängt haben: Die Stimme der Ruhe, der Handarbeit, der einfachen Dinge. Du brauchst keinen perfekten Raum. Du brauchst einen, der dich fühlt. Einen, der dich umarmt. Einen, der sagt: Hier bist du sicher. Hier bist du zu Hause.