Wenn Ihre alte Ziegelfassade aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert Risse, lockere Fugen oder weißliche Ausblühungen aufweist, ist das kein Grund, gleich die ganze Fassade abzuschlagen. Die meisten Probleme liegen nicht im Ziegel selbst, sondern in den Fugen. Fugensanierung ist die effektivste, kostengünstigste und nachhaltigste Methode, um eine Backsteinwand zu sanieren - und sie bewahrt den historischen Charakter Ihres Hauses.

Warum Fugen sanieren? Die Ursache für die meisten Schäden

Viele Hausbesitzer denken, dass Feuchtigkeit durch die Ziegel eindringt. Doch das ist selten der Fall. Echte Ziegelsteine sind dicht und widerstandsfähig. Der Schaden entsteht fast immer in den Fugen. Wenn der alte Mörtel bröckelt, rissig wird oder ausgewaschen ist, kann Wasser ungehindert in das Mauerwerk eindringen. Das führt zu Frostschäden, Schimmel, abblätterndem Putz - und letztlich zu teuren Folgeschäden an der Wand oder sogar der Dachkonstruktion.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerksbau (DGfM) spart eine fachgerechte Fugensanierung bis zu 70 % der Kosten einer kompletten Fassadensanierung. Und das, obwohl sie die Lebensdauer des Mauerwerks um 30 bis 50 Jahre verlängert. Das ist kein Marketing-Gesöff - das ist reine Bauphysik.

Was ist der richtige Mörtel? Kalk oder Zement?

Hier liegt der größte Fehler in der Praxis. Wer einen modernen Zementmörtel aufträgt, macht es dem Mauerwerk schwer - oft tödlich.

Bei Gebäuden vor 1945 - also den meisten historischen Backsteinfassaden - muss der neue Mörtel genau wie der alte sein: kalkgebunden. Kalkmörtel ist weich, porös und atmungsaktiv. Er nimmt Feuchtigkeit auf, lässt sie langsam verdunsten und verhindert so, dass Wasser im Ziegelstein gefriert und ihn sprengt.

Zementmörtel hingegen ist hart, dicht und wasserundurchlässig. Er verhindert die natürliche Feuchtigkeitsregulierung. Das Wasser bleibt im Mauerwerk stecken, drückt gegen die Ziegel und führt zu mikrofeinen Rissen. Diese Risse wachsen mit der Zeit - und plötzlich bricht ein ganzer Stein.

Dr. Ulrike Müller vom Institut für Mauerwerksforschung in Dresden sagt es klar: „Bei Gebäuden vor 1918 ist ein kalkgebundener Mörtel nicht nur empfohlen - er ist Pflicht.“

Für moderne Bauten nach 1945 kann man auf Mauermörtel M10 oder Fugmörtel M5 zurückgreifen. Aber auch hier gilt: Die Druckfestigkeit des neuen Mörtels muss mindestens 20 % niedriger sein als die des alten Ziegels. Sonst überlastet er den Stein.

Wie wird die Fuge richtig ausgebaut?

Ein guter Mörtel nützt nichts, wenn die Fuge nicht richtig vorbereitet ist. Die Ausbautiefe muss genau stimmen: 2,5 bis 3 Zentimeter. Das entspricht ungefähr der doppelten Breite der ursprünglichen Fuge. Bei einer typischen 10-mm-Fuge heißt das: mindestens 20 mm tief ausbauen.

Wichtig: Die Fugen müssen flankensauber sein. Das bedeutet, die Seiten der Ziegelsteine müssen frei von altem Mörtelresten sein. Sonst haftet der neue Mörtel nicht richtig. Viele Handwerker machen den Fehler, nur den losen Mörtel rauszuschlagen und den Rest einfach zu überdecken. Das funktioniert nicht.

Die richtige Methode: Zuerst mit einem Hammer und Hartholz oder einer Einstechklingen-Handsäge den Mörtel vorsichtig entfernen. Kein Meißel - der beschädigt die Klinkerkanten. Danach mit einer speziellen Fugenbürste oder mit Druckluft säubern. Einige Profis nutzen sogar einen Kärcher mit Fräsaufsatz - aber nur mit sehr geringem Druck. Sonst wird der Ziegel angeritzt.

Vergleich von brüchigem Zementmörtel und atmungsaktivem Kalkmörtel in einer historischen Ziegelwand.

Wie wird der Mörtel verarbeitet?

Der Mörtel sollte „erdfeucht“ sein - nicht trocken, aber auch nicht flüssig. Wenn Sie ihn mit der Hand formen, sollte er sich gut verformen, aber nicht tropfen. Zu nass? Dann rutscht er aus der Fuge. Zu trocken? Dann reißt er beim Trocknen.

Wichtig: Vor dem Verfugen die Fugen gründlich anfeuchten. Ein trockener Ziegel saugt das Wasser aus dem frischen Mörtel wie ein Schwamm. Das Ergebnis? Ein rissiger, brüchiger Fugenstrang, der nach wenigen Monaten wieder kaputt ist.

Den Mörtel nur in kleinen Mengen anrühren - etwa 1 kg auf einmal. Die Verarbeitungszeit beträgt nur etwa eine Stunde. Wenn Sie zu viel auf einmal anrühren, trocknet er im Eimer, bevor Sie ihn verarbeiten können.

Für horizontale Lagerfugen brauchen Sie ein langes Fugeisen und ein Fugblech. Für vertikale Stoßfugen ein kurzes Fugeisen. So wird der Mörtel gleichmäßig eingedrückt und die Fuge bekommt die richtige Form: leicht eingezogen, nicht abgerundet.

Was kostet eine Fugensanierung?

Im Vergleich zu anderen Sanierungsformen ist Fugensanierung günstig. Die Kosten liegen zwischen 35 und 55 Euro pro Quadratmeter - inklusive Material und Arbeit. Eine komplette Fassadensanierung mit Putz oder Abdichtung kostet dagegen 120 bis 180 Euro pro Quadratmeter.

Und das ist kein billiger Trick. Eine fachgerechte Fugensanierung hält 15 Jahre und länger. Eine Langzeitstudie der TU München (2018-2023) zeigt: Nach 15 Jahren ist noch 92,7 % der Fugen intakt. Bei einer Vollabdichtung sind es nur 78,3 %. Die Fugensanierung ist also nicht nur günstiger - sie ist auch langlebiger.

Welche Fehler machen die meisten?

- Falscher Mörtel: Zement auf altem Kalk - das ist der häufigste Fehler.
- Nicht vorgenässt: Trockene Fugen ohne Vorbereitung führen zu Rissen.
- Zu tiefe Fugen: Über 3 cm Ausbautiefe schwächt die Struktur.
- Zu viel Mörtel auf einmal: Der Mörtel trocknet im Eimer.
- Unsaubere Fugen: Reste von altem Mörtel verhindern die Haftung.

Laut einer Umfrage des Deutschen Handwerkskammertags (2024) liegt die Zufriedenheitsrate bei fachgerechter Ausführung bei 87,4 %. Bei unsachgemäßer Arbeit steigt die Unzufriedenheit auf 63,2 %. Das ist kein Zufall.

Fachmann füllt frischen Kalkmörtel in eine präzise ausgebaute Fuge einer alten Backsteinfassade.

Was ist mit modernen Alternativen?

Es gibt neue Produkte: biobasierte Fugmörtel mit bis zu 30 % pflanzlichen Zusätzen, „intelligente“ Mörtel mit selbstheilenden Eigenschaften. Die BAM hat im März 2024 einen neuen Prüfstandard dafür veröffentlicht. Die TU Dresden forscht bereits an Mörteln, die bei Feuchtigkeitseintrag kleine Risse selbst verschließen.

Aber: Diese Technologien sind noch nicht Standard. Sie sind teuer, schwer zu beschaffen und nicht für historische Bausubstanz geeignet. Die bewährte Methode bleibt: kalkgebundener Mörtel, sorgfältig verarbeitet.

Wann ist Fugensanierung nicht die Lösung?

Es gibt Ausnahmen. Wenn die Ziegel selbst bröckeln, wenn ganze Steinabschnitte locker sind oder wenn das Mauerwerk durch Feuchtigkeit so stark geschwächt ist, dass es nicht mehr tragfähig ist - dann hilft keine Fugensanierung mehr. Dann muss man die Steine ersetzen. Das ist eine andere Sanierung - und viel teurer.

Aber: In 90 % der Fälle ist die Fuge das Problem - nicht der Stein. Und das ist gut zu reparieren.

Fazit: Was tun?

Wenn Ihre Backsteinwand Fugen hat, die aussehen wie alte Zahnlücken - dann handeln Sie. Nicht mit Putz, nicht mit Abdichtung, sondern mit Fugensanierung.

- Prüfen Sie den Mörtel: Ist er kalk- oder zementgebunden?
- Bestimmen Sie das Baujahr: Vor 1945? Dann nur kalkgebundener Mörtel.
- Lassen Sie die Fugen professionell ausbauen: 2,5-3 cm tief, flankensauber.
- Verwenden Sie frischen, passenden Mörtel - nicht zu viel, nicht zu nass.
- Feuchten Sie die Fugen vorher an.
- Arbeiten Sie in kleinen Abschnitten.
- Lassen Sie den Mörtel langsam trocknen - nicht mit Heizung, nicht mit Föhn.

Eine gute Fugensanierung ist keine Reparatur. Sie ist eine Investition in die Zukunft Ihres Hauses. Und sie bleibt sichtbar - als echter, alter Ziegelstein, mit einer Fuge, die atmet.

Kann ich die Fugensanierung selbst machen?

Ja - aber nur, wenn Sie Erfahrung mit Mörtel haben. Die richtige Vorbereitung, die Auswahl des Mörtels und die Verarbeitung sind entscheidend. Ein falscher Mörtel oder eine unzureichende Vorbereitung kann den Schaden verschlimmern. Für Anfänger ist es ratsam, zunächst an einem kleinen Bereich zu üben oder einen Fachbetrieb zu konsultieren. Die Materialkosten sind gering, aber der Aufwand ist hoch. Wer nicht sicher ist, sollte professionell helfen lassen.

Wie lange dauert eine Fugensanierung?

Bei einer durchschnittlichen Fassade von 20 Quadratmetern benötigt ein Fachbetrieb etwa 2,5 Arbeitstage. Das entspricht 25 bis 30 Minuten pro Quadratmeter. Die Zeit hängt von der Zustand der Fugen, der Zugänglichkeit und der Art der Reinigung ab. Wenn die Fugen stark verkrustet sind oder der Ziegel sehr empfindlich ist, dauert es länger. Selbst bei guter Vorbereitung sollte man nicht zu schnell arbeiten - der Mörtel braucht Zeit zum Einziehen.

Welche Mörtelmarken sind empfehlenswert?

Für historische Fassaden sind kalkbasierte Mörtel von Mapei (Kalkmörtel K 15) oder Saint-Gobain Weber (Kalkmörtel L 15) bewährt. Für moderne Bauten nach 1945 eignen sich Mauermörtel M10 von Knauf oder Fugmörtel M5 von Weber. Wichtig ist nicht die Marke, sondern die Zusammensetzung: Der Mörtel muss die richtige Druckfestigkeit und Atmungsaktivität haben. Die Hersteller geben auf den Säcken genau an, für welches Baujahr und welchen Stein der Mörtel geeignet ist.

Muss ich vorher eine Genehmigung einholen?

Wenn Ihr Haus unter Denkmalschutz steht, ja. In den meisten Fällen ist eine Fugensanierung genehmigungspflichtig, weil sie den äußeren Eindruck der Fassade verändert - auch wenn sie nur die Fugen ersetzt. In den meisten Kommunen müssen Sie vorher einen Antrag stellen und den verwendeten Mörtel angeben. In Bayern und Baden-Württemberg gibt es spezielle Denkmalämter, die Beratung anbieten. Auch ohne Denkmalschutz ist es sinnvoll, mit dem Bauamt zu sprechen, wenn Sie unsicher sind.

Wie erkenne ich, ob mein Fugmörtel kalk- oder zementgebunden ist?

Ein einfacher Test: Nehmen Sie einen kleinen Fugenrest und reiben Sie ihn mit Essigessenz ein. Wenn er blubbert und sich auflöst - dann ist er kalkgebunden. Wenn nichts passiert - dann ist er zementgebunden. Kalk reagiert mit Säure, Zement nicht. Auch das Alter hilft: Gebäude vor 1945 haben fast immer Kalkmörtel. Danach wurde zunehmend Zement verwendet. Wer unsicher ist, sollte einen Steinmetz oder einen Denkmalpfleger konsultieren.