Ein kaputtes Dach nach einem Sturm ist nicht nur teuer, es kann auch lebensgefährlich sein. In Deutschland werden immer häufiger Dächer beschädigt, weil die Befestigung der Ziegel oder Steine nicht mehr den heutigen Anforderungen entspricht. Seit 2011 gilt eine klare Regel: Jedes neue Dach oder jede vollständige Sanierung muss mit Sturmklammern gesichert werden. Das ist kein Bonus, sondern Pflicht. Und es geht nicht nur um Wind - auch die Schneelast spielt eine Rolle. Doch viele Hausbesitzer wissen nicht, was genau nötig ist und warum.

Warum Sturmklammern nicht mehr optional sind

Früher reichte es, Dachziegel mit Zement oder Mörtel festzusetzen. Heute nicht mehr. Der Grund? Stürme werden stärker und kommen auch in Regionen an, die früher als sicher galten. Die alte Annahme, dass nur Küstenregionen von starken Winden betroffen sind, stimmt nicht mehr. Ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten unter 120 km/h kann genug Auftrieb erzeugen, um ganze Ziegelreihen vom Dach zu reißen. Das passiert nicht selten - und dann wird es teuer: Reparaturen, Wasserschäden, Versicherungsstreitigkeiten.

Seit März 2011 ist das Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) dazu übergegangen, alle Dächer in Deutschland als gefährdet einzustufen. Das bedeutet: Selbst in Windzone I, wo früher keine Klammern nötig waren, müssen heute alle Ziegel mechanisch befestigt werden. Die Änderung basiert auf der aktualisierten DIN EN 1991-1-4, die Windlasten jetzt detaillierter berechnet - nicht nur nach Region, sondern auch nach Dachform, Gebäudehöhe und Umgebung.

Wie funktioniert eine Sturmklammer?

Sturmklammern sind kleine Metallteile, die unter die Ziegel oder Dachsteine geschoben und an der Unterkonstruktion befestigt werden. Sie verhindern, dass der Wind von unten an den Ziegel zieht und ihn hochhebt. Das ist besonders wichtig an den Rändern des Daches, an den Ecken und am First. Dort entstehen die größten Saugkräfte.

Die Klammern müssen nach DIN EN 14437 geprüft sein. Das ist eine europäische Norm, die genau festlegt, wie stark eine Klammer sein muss, um einen Ziegel zu halten. Einige Systeme halten bis zu 3.250 Newton - das entspricht etwa 330 Kilogramm Zugkraft. Vergleich: Ein herkömmlicher Ziegel ohne Klammer reißt schon bei 1.200 Newton los. Das ist kein Unterschied, das ist eine ganze Welt.

Wichtig: Nur die Kombination aus Klammer und Ziegeltyp, die im Labor getestet wurde, gilt als zulässig. Sie können nicht einfach eine Klammer von Marke A mit einem Ziegel von Marke B kombinieren. Das ist illegal und gefährlich. Hersteller wie BMI Deutschland oder SturmFIX bieten speziell abgestimmte Systeme für 17 verschiedene Ziegelprofile an. Wer das ignoriert, riskiert nicht nur die Dachdeckung - sondern auch die Haftung.

Wo genau müssen Klammern installiert werden?

Nicht das ganze Dach muss geklammert werden - aber fast. Die Regel ist einfach: Alle Kanten, Ecken und Firstbereiche brauchen Schutz. Das sind die Stellen, die am stärksten belastet werden.

  • Einfache Dächer: An Traufe und First mindestens 1 Meter breite Streifen mit Klammern. Bei Gebäuden über 30 Meter Länge werden es sogar 2 Meter.
  • Ecken: Jede Ecke des Daches ist ein Schwachpunkt. Hier müssen alle Ziegel geklammert sein - keine Ausnahme.
  • Ortgangziegel: Diese Ziegel an den Dachkanten müssen immer einzeln befestigt werden. Sie sind die ersten, die bei Wind losreißen.
  • Steile Dächer (>65°): Hier ist die Regel anders: Jeder einzelne Ziegel muss geklammert werden. Es gibt aber Ausnahmen: Manche Hochleistungs-Systeme erlauben es, nur jeden zweiten Ziegel zu fixieren - aber nur, wenn sie explizit dafür zugelassen sind.

Die Berechnung ist komplex. Deshalb nutzen professionelle Dachdecker heute Online-Rechner, die automatisch die Windzone, die Dachneigung und die Gebäudehöhe einbeziehen. So wird sichergestellt, dass keine Stelle übersehen wird.

Querschnitt eines Daches mit Sturmklammern und ungleichmäßiger Schneelast an Kanten und Gauben.

Schneelast - das vergessene Problem

Während Sturmklammern klar geregelt sind, wird die Schneelast oft vernachlässigt. Dabei ist sie genauso wichtig. Ein dichter Schneedeck kann leicht 150 bis 200 Kilogramm pro Quadratmeter wiegen - und das verteilt sich nicht gleichmäßig. An Dachkanten, in Mulden oder hinter Dachgauben sammelt sich Schnee. Das kann zu Lasten führen, die das Dach überfordern.

Ob ein Dach das aushält, hängt von der Konstruktion ab: Holzsparren, Stahlträger, Betonplatten - alle haben unterschiedliche Tragfähigkeiten. Die Berechnung erfolgt nach DIN EN 1991-1-3, die regional unterschiedliche Schneelastwerte vorsieht. In Bayern oder im Allgäu sind die Werte höher als in Hamburg. Ein Dach, das in der Region mit geringer Schneelast ausgelegt wurde, kann in einer Schneeregion versagen - selbst wenn es perfekt geklammert ist.

Die Lösung? Ein Dach muss sowohl Wind- als auch Schneelasten aushalten. Deshalb ist es falsch, nur an Sturmklammern zu denken. Eine Sanierung muss ganzheitlich geplant werden: Ziegel, Unterkonstruktion, Dachform und regionale Klimadaten müssen zusammenpassen.

Was gilt für alte Häuser?

Hier ist die gute Nachricht: Wer sein Dach nicht erneuert, muss keine Klammern nachrüsten. Altbauten genießen Bestandsschutz. Das bedeutet: Wenn das Dach seit 1990 nicht neu gedeckt wurde, bleibt es so, wie es ist. Keine Pflicht, keine Strafe.

Aber: Wenn Sie das Dach sanieren - selbst nur einen Teil - dann müssen Sie komplett nach neuen Regeln arbeiten. Das ist ein häufiger Fehler. Ein Hausbesitzer tauscht 20 Ziegel aus, denkt, das ist nur eine Reparatur - und ignoriert die Klammern. Doch das ist eine Sanierung. Und dann muss das ganze Dach nach aktuellem Standard befestigt werden. Sonst ist der Dachdecker haftbar.

Hausbesitzer und Dachdecker besprechen die korrekte Installation von Sturmklammern an einem digitalen Plan.

Haftung und Risiken für Dachdecker

Dachdecker, die Sturmklammern nicht einbauen, machen sich strafbar. Es ist keine Empfehlung, es ist eine berufliche Pflicht. Wenn nach einem Sturm ein Dach abhebt und Schaden entsteht, kann der Hausbesitzer den Dachdecker verklagen - und zwar nicht nur wegen des Schadens, sondern auch wegen fahrlässiger Handlung.

Die ZVDH-Richtlinien sind rechtlich bindend. Versicherungen prüfen bei Schadensfällen genau, ob die Normen eingehalten wurden. Wer nicht geklammert hat, verliert den Versicherungsschutz - oder zahlt selbst. Deshalb verlangen seriöse Dachdecker heute immer eine schriftliche Bestätigung vom Kunden, dass er die Klammern will. Und sie dokumentieren jeden Schritt.

Was Sie als Hausbesitzer tun können

Sie brauchen keine Fachkenntnisse, um Ihr Dach sicher zu machen. Aber Sie müssen wissen, worauf Sie achten müssen:

  1. Prüfen Sie, ob Ihr Dach erneuert wurde: Wenn ja, nach 2011, dann muss es geklammert sein. Fragt nach den Unterlagen.
  2. Beobachten Sie Ihre Dachkanten: Sind Ziegel lose, abgebrochen oder verrutscht? Das ist ein Warnsignal.
  3. Fragen Sie Ihren Dachdecker: „Welche Windzone habe ich? Wie viele Klammern braucht mein Dach? Welche Systeme sind zugelassen?“
  4. Vermeiden Sie Billig-Angebote: Wenn jemand sagt „Klammern sind überflüssig“, ist das falsch. Oder er kennt die Gesetze nicht.
  5. Planen Sie Sanierungen früh: Ein Dach, das in 5 Jahren erneuert werden muss, kann jetzt schon mit modernen Klammern ausgestattet werden - und spart später Geld.

Fazit: Sicherheit ist kein Luxus

Ein Dach, das nicht richtig befestigt ist, ist eine Zeitbombe. Nicht nur für Ihr Zuhause - auch für Ihre Nachbarn. Die Regeln seit 2011 sind nicht willkürlich. Sie basieren auf Daten, auf Schadensfällen, auf wissenschaftlichen Studien. Und sie spiegeln die Realität wider: Stürme kommen. Schnee lastet. Und wenn das Dach nicht hält, dann zahlt am Ende nicht die Versicherung - sondern Sie.

Die Lösung ist einfach: Sturmklammern. Richtig installiert. Mit zugelassenen Systemen. Und immer in Kombination mit einer Prüfung der Schneelast. Das ist kein Aufwand - das ist Vorsorge. Und sie schützt nicht nur Ihr Dach. Sie schützt Ihr Leben.

Muss ich meine alte Dachdeckung nachrüsten, wenn ich nur ein paar Ziegel ersetze?

Ja. Selbst wenn Sie nur einzelne Ziegel austauschen, gilt das als Dachsanierung, wenn es sich um eine größere Reparatur handelt. In diesem Fall müssen Sie die gesamte Dachfläche nach den aktuellen Vorschriften befestigen - inklusive Sturmklammern. Einzelne Reparaturen ohne Klammern sind nicht zulässig und können später zu Haftungsproblemen führen.

Kann ich Sturmklammern selbst einbauen?

Technisch möglich - aber nicht empfehlenswert. Die Berechnung der erforderlichen Klammernzahl, die Auswahl des richtigen Systems und die korrekte Installation erfordern Fachwissen. Falsch installierte Klammern können das Dach beschädigen oder gar nicht wirken. Außerdem verlieren Sie den Versicherungsschutz, wenn die Arbeiten nicht von einem zertifizierten Dachdecker durchgeführt werden. Lassen Sie es professionell machen.

Welche Kosten entstehen durch die Nachrüstung mit Sturmklammern?

Die Kosten liegen zwischen 5 und 15 Euro pro Quadratmeter, je nach Dachform und verwendeten Systemen. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit 120 Quadratmetern Dachfläche bedeutet das 600 bis 1.800 Euro. Das klingt viel, aber im Vergleich zu Schadenskosten von mehreren tausend Euro bei einem abgehobenen Dach ist es eine geringe Investition. Manche Kommunen oder Energieversorger gewähren sogar Förderungen für sturmsichere Dachsanierungen.

Gibt es Ausnahmen für bestimmte Dachformen?

Ja. Flachdächer mit Neigung unter 15° unterliegen anderen Regeln und benötigen keine Sturmklammern, da der Wind hier nicht so stark zieht. Auch sehr steile Dächer über 65° haben Sonderregeln - hier müssen entweder alle Ziegel geklammert werden oder spezielle Hochleistungssysteme eingesetzt werden, die für diesen Winkel zugelassen sind. Jede Form erfordert eine individuelle Berechnung.

Warum müssen Klammern so genau getestet werden?

Weil nicht jede Klammer mit jedem Ziegel funktioniert. Die Ziegel haben unterschiedliche Formen, Rillen und Gewichte. Eine Klammer, die bei einem Ziegel von Marke A hält, kann bei einem Ziegel von Marke B sofort versagen. Die Prüfung nach DIN EN 14437 stellt sicher, dass nur Kombinationen verwendet werden, die gemeinsam getestet und als sicher erkannt wurden. Das ist kein Marketingtrick - das ist Sicherheit.